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Jun 21

Tanzen wie die Babys?

Die neue Führungskraft ist „nicht unzufrieden“

Mein Coaching-Kunde ist seit einigen Monaten Abteilungsleiter. In Summe ist er „nicht unzufrieden“ mit seiner persönlichen Entwicklung. Naja. Weshalb ist er also bei mir? Was ihm zu denken gibt, ist die Rückmeldung einiger Kollegen, aber auch von Freunden, dass er sich in letzter Zeit ziemlich verändert habe. Er wirke „distanzierter, ernster, förmlicher“. Damit ist er nicht allein. Wie wir uns nach Übernahme einer Führungsposition verhalten, hängt mit der – meist unbewussten – Frage zusammen: „Wie glaube ich, soll ich mich verhalten, um als Führungskraft akzeptiert zu werden?“

Kleinkinder haben ein natürliches Rhythmusgefühl

Nehmen wir mal ein Bespiel aus der Entwicklungspsychologie: Kinder bewegen sich aktiv, spontan und unaufgefordert zu Musik. Musikforscher und Psychologen aus Finnland und England konnten zeigen, dass Babys ihre Bewegungen mit Feingefühl auf den Rhythmus von Musik abstimmen, und zwar schon lange, bevor sie zu sprechen beginnen. Die Wissenschaftler spielten 120 Kindern zwischen fünf Monaten und zwei Jahren zahlreiche Hörbeispiele vor. Sie filmten die spontanen Bewegungen der Kleinen und verglichen sie bei verschiedenen Stimuli, unter anderem bei klassischer Musik, rhythmischen Schlagzeugschlägen, Kinderliedern und auch bei gesprochener Sprache. Es zeigte sich, dass Babys besonders auf Rhythmus und Tempo der Musik ansprechen, während andere Elemente wie etwa die Melodie weniger wichtig waren. Am geringsten war die Reaktion auf Sprache!

Die Unbefangenheit geht verloren

Wahrscheinlich ist das Ausmaß der Reaktion der Babys in Wahrheit noch stärker als die Studie zeigen konnte. „Um den wissenschaftlichen Nachweis zu liefern, untersuchten wir die Babys im Labor. Es ist anzunehmen, dass sie im alltäglichen Umfeld unbefangener reagieren.“ Genau diese Unbefangenheit werde in unseren Breiten später oft zum Verhängnis. „Die Spontaneität der Reaktion nimmt im Lauf der Kindheit und Jugend offenbar ab, dazu gesellt sich dann oft ein Schamgefühl“, vermutet der Forscher.

Das Thema vieler Führungskräfte (aber nicht nur)

Tanzen erlebt ja in den letzten Jahren (nicht zuletzt durch „Dancing Stars“ & Co.) eine Renaissance – und das ist gut so. Dass diese Form des Tanzens aber auch oft einen Leistungsaspekt beinhaltet, ist die andere Seite. Begriffe wie „Leistungsabzeichen“ oder „Perfektion“ sprechen ja schon für sich.

Im transaktionsanalytischen Modell der Ich-Zustände (nach Eric Berne) gibt es das sogenannte „freie Kind-Ich“. Diesem freien Kind-Ich geht es darum, Gefühle und Bedürfnisse auszuleben – spontan und ungezwungen. Im freien Kind befinden sich die Gefühle, die man als Kind hatte. Deshalb handelt man, wenn man sich gerade in diesem Ich-Zustand befindet, auch nach Gefühl und Lust.

Das freie Kind-Ich drückt die unbekümmerte, spontane und natürliche Art eines Kindes aus, wie man es auf einem Spielplatz oder im Zusammenspiel mit anderen Kindern vorfindet.

Wo ist Platz für mein freies Kind?

Nicht wenige meiner Coaching-Kunden trifft die Erkenntnis, dass sie ihrem freien Kind-Ich viel zu wenig Raum geben. Oft lässt sich das sogar an einem Ereignis festmachen, z. B. eben mit Antritt einer Führungsposition. Ab da scheinen sie für die Umwelt ernster zu werden, die bisherige Lockerheit verschwindet und die Arbeit wird schwieriger. Damit wird aber auf eine wesentliche Quelle der Lebensenergie verzichtet!

Daher lautet mein Appell: tanzen Sie so, als wären Sie unbeobachtet, trommeln Sie, singen Sie –  was immer Ihrem freien Kind gut tut.

Oder anders ausgedrückt. Lassen Sie Ihr freies Kind raus – so oft wie möglich!

 

Foto: R. Krautheim / pixelio.de